Erfahrungsbericht Marie

Meine jüngste Teilnehmerin, Marie (21 Jahre), berichtet von ihren Erfahrungen unserer Pilgerwanderung im Mai 2018. Marie inspiriert mich sehr, so viel Lebenserkenntnisse und tiefgehende Gespräche, die ich mit ihr hatte. Ein Zitat aus deinem Text, welches auch von mir kommen könnte: „Wieder kann ich über Themen reden, bei denen ich mich anderswo nicht ernst genommen fühle. […] Im Dunkeln liegend fällt uns auf, was für eine schöne Kindheit wir hatten und welches Glück wir damit haben.“

Dankeschön, Marie! Du bist einzigartig.

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„Ich bin Marie, 21 Jahre alt und sitze im Zug auf dem Weg in Richtung Frankfurt Oder. Als ich mich zur Pilgerwanderung anmeldete, Ende 2017, da stand mein Leben Kopf. Chemoende im Juni, der Sommer flog vorbei und im Oktober hatte ich das Gefühl, mein Leben noch nie so wenig unter Kontrolle gehabt zu haben, wie zu dieser Zeit. Schlimmer geht nimmer, dachte ich, und meldete mich bei Annelie, die mich sofort zur Teilnehmerliste hinzufügte. Wochenlang beschäftigte ich mich nichtmehr mit dem Thema, fuhr zur Reha, ignorierte meist die vorfreudigen Nachrichten der anderen in unserer WhatsApp Gruppe. Bis die Reise vor der Tür stand.

Im Zug lerne ich den einen Teil der Gruppe kennen, in Frankfurt Oder dann den Rest. Ich freu mich, eine Woche mit den Damen und dem Herrn zu verbringen, auch wenn ich beim Loslaufen absolut keine Lust auf eine Woche Fußmarsch habe!

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Nach einem Riesen Tam-Tam zum Aufbruch mit Presse und Schaulustigen, erfolgt der emotionale Start der Reise. Wir stehen Händehaltend im Kreis. Eine emotionale Ansprache lässt einige Tränen fließen. Ich habe das Gefühl, dass die Zeit, die hinter jedem von uns liegt, die anderen mehr beschäftigt als mich sehr.

Entgegen dieser Annahme habe ich bei der zweiten Pause schon mein erstes Tief und ich begutachte, während ich einen Energieriegel esse, meine erste Blase. Ich lenke mich auf den folgenden Kilometern damit ab, die anderen durch Gespräche besser kennenzulernen. Beim Reden vergeht die Zeit wie im Flug. Wir kommen in Sieversdorf an und was ich dazu in mein Tagebuch schreibe ist „Ankunft im Paradies“. Ein riesiger Garten, der mich an den meiner Eltern erinnert, Kuchen, ein Schlafplatz in der Orgelwerkstatt und zwei unheimlich nette Herbergseltern. Wir lassen den Abend mit einem Abendessen und einer Rederunde am Lagerfeuer ausklingen. Jeder hat etwas zu erzählen, die meisten teilen ein Schicksal. Alle teilen ihre Solidarität.

Nach einem riesigen Frühstück und einer emotionalen Andacht in der Kirche verlassen wir Sieversdorf und mein Herz ist voller Liebe und Dankbarkeit für die Gasteltern. Wir laufen, wie jeden Tag, eine halbe Stunde schweigend und ich finde langsam Gefallen daran. „Man kann nicht nicht kommunizieren“ denke ich mir und finde es spannend, etwas über die anderen zu erfahren, indem ich schweigend neben ihnen laufe.

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Am heutigen Tag merke ich sehr, wie wir als Gruppe zusammenwachsen. Wir teilen Müsliriegel, tragen Rucksäcke, während deren Besitzer im Wald pinkeln geht, freuen uns alle wie kleine Kinder, als es in einer Eisdiele Erdbeerbecher gibt und wir der Sonne kurz entkommen. Wir erreichen als Gruppe das Naturcamp in Arensdorf. Wieder ein sowohl leckerer als auch herzlicher Empfang. Doch kaputt bin ich trotzdem, sodass ich eine Weile und einige Nachrichten von Freunden zu Hause brauche, um meine gute Laune wiederzufinden. Wir machen Yoga, Spazieren um den See und essen selbstgemachten Kräuterquark mit Pellkartoffeln. Zu dritt laufen wir eine halbe Stunde den Feldweg entlang und fotografieren den Sonnenuntergang, bevor ich mich müde ins Bett fallen lasse.

Der nächste Tag beginnt mit kaltem Wasser in den Haaren, leckerem Frühstück und einer halben Stunde schweigendem Marsch. Die Kilometer schrubben sich schnell und wir erreichen bald unsere nächste Pauseneisdiele. Das erste schlechte Wetter während der Tour erleben wir bei einem Eisbecher. Nach einem Stopp in der Apotheke für Blasenpflaster und Co. Und einem Kurzbesuch auf einem Maifest schleppen wir uns die letzten Kilometer zum Bahnhof, von wo uns ein Bus zur Jugendherberge bringt. Der Krebs drängt sich wieder in meine Gedanken. Ich rede an diesem Abend über die Nachsorge, Angst vor Rezidiven und Langzeitfolgen von Chemo und Bestrahlung. Trotz ernster Themen – man fühlt sich nicht allein, man fühlt sich ernstgenommen und verstanden. Und als ich abends im Dunkeln mit meinen zwei Zimmermitbewohnerinnen kichernd im Hochbett liege, fühle ich mich, wie auf Klassenfahrt!

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Am folgenden Tag begleitet uns ein Fernsehteam. Mit der ganzen Aufregung laufen sich die Wege irgendwie leichter und als Hilde (67) und ich (21) als älteste und jüngste Teilnehmerin nebeneinander gefilmt werden, denke ich darüber nach, was für verschiedene Menschen dieses Projekt zusammenbringt und wie viel wir schon voneinander lernen konnten. Singend und guter Laune erreichen wir die nächste Unterkunft in einem Sportpark. Der restliche Nachmittag it für mich, habe ich beschlossen. Ich brauche Zeit zum Verarbeiten der bisherigen Erlebnisse und lege mich mit Kopfhörern auf eine Wiese. Das tut gut, ich rekapituliere das, was die Wanderung mir bisher gebracht hat und staune über die Veränderungen in meinem Denken. Am Abend gibt es Gegrilltes und ein Lagerfeuer. Wir schauen den Fernsehbeitrag über uns und ich bin ganzschön stolz. Auch auf uns als Gruppe, weil wir an diesem Tag ganz besonders für zwei von uns da sein konnten. Am Abend im Zimmer rede ich mit Annelie über Projekte, Motivation und den Sinn hinter den Dingen und wir merken, dass wir die selbe Musik mögen. Noch ein Herzmoment, bevor mir die Augen zufallen.

Der 5. Tag, die Motivation besteht zu einem großen Teil auch aus der Vorfreude auf unsere baldige Ankunft in Berlin. Wir funktionieren als Gruppe, scherzen am Frühstückstisch, murren über die Strenge vor dem Loslaufen und reißen uns dann doch alle zusammen. Leider nützt die gute Laune nichts gegen meine beginnende Blasenentzündung, also leihe ich mir eine Tablette und fliege dann förmlich den Weg bis zum wunderbaren Picknick am See. Eine Freundin von Annelie begleitet uns und meine Liebe zu Tieren beschert mir bald frohe „Stöckchen-Werf-Stunden“ mit ihrem Hund. An einem Apfelhof bekommen wir eine Führung durch die Produktion und ich werde daran erinnert, dass es ja noch ein Leben außer dem Pilgern und dem Abenteuer gibt, in dem man täglich Aufgaben erfüllen und „etwas“ erreichen muss. Der zweite Teil der Laufstrecke zieht sich doch als wir am Bahnhof ankommen, sind wir alle stolz auf das, was wir geschafft haben. In der Unterkunft genieße ich erstmal mein gemütliches Bett im schönen Doppelzimmer mit Annelie, wir hören Musik und nutzen das WLAN in der Eingangshalle. Ich führe ein langes Gespräch mit einer anderen WLAN-Suchenden über Chemo, Port und Krankenhaus. Wieder kann ich über Themen reden, bei denen ich mich anderswo nicht ernst genommen fühle. Wieder ein Gespräch mit Annelie und im Dunkeln liegend fällt uns auf, was für eine schöne Kindheit wir hatten und welches Glück wir damit haben.

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Der letzte Tag bricht an. Und alles, was an Zweifeln, schlechter Stimmung oder Unlust in mir war, verfliegt. Wir schrubben Kilometer, die Laune schwankt oft, aber es knistert der Zauber des Ankommens in der Luft. In einer Eisdiele machen wir Pause, unsere letzte. Wir alle wissen, dass uns jetzt die letzte Etappe bis nach Berlin bevorsteht. Und so laufen wir, über die Berliner Stadtgrenze, im Grünen und genießen die letzte Zeit in Ruhe. Alles geht leicht. Klar die körperliche Erschöpfung ist da, lange kann ich nichtmehr, aber mein Kopf ist frei und unbeschwert und ich merke, dass es den meisten auch so geht. Wir erreichen unseren Zielbahnhof, steigen in die Bahn und planen glücklich den letzten Abend. Der beginnt mit der Ankunft am berliner Hauptbahnhof, wo wir erstmal von der Unruhe der Stadt erschlagen werden. Wir bahnen uns den Weg zur Unterkunft, duschen und bestellen Pizza. Es gibt Sekt, wir werfen Komplimente hin und her und reden bis spät abends. Unsere allerletzte Feedbackrunde berührt mich sehr. Ich merke, wie alle mir ans Herz gewachsen sind und wie viel diese Wanderung für uns alle, auch für mich, bedeutet hat. Schlafen kann ich trotz der Glückseligkeit nicht. Morgen kommen wir endlich am Ziel an…

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Der letzte Morgen kann perfekter nicht sein. Es gibt Frühstück, Rührei, Brötchen, Orangensaft und die liebsten Menschen der Welt. Wir starten den letzten Fußmarsch und werden schon bald an der Marienkirche von Berlinern begrüßt. Mit vielen Begleitern laufen wir die letzten 3 Stunden durch Berlin. Die Wärme fordert mich nochmal richtig und deshalb bekomme ich zunächst garnicht mit, dass unsere letzten Minuten gemeinsam anbrechen. Wir laufen Hand in Hand durch den Tiergarten, sehen das Brandenburger Tor, werden schneller, sind unruhig. Wir können selbst nicht so ganz glauben, was da gerade passiert. Dann endlich, die letzten Schritte. Irgendeine Gewerkschaft hat Musik angemacht. Dass die nicht für uns ist, ist uns egal. Wir kreischen, jubeln, springen im Kreis, lassen Annelie hochleben und sind voll und ganz im Freudentaumel…“

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