Tag 3 – 24km im mentalen Tunnel

Ich wollte garnicht so recht aus dem Fenster schauen, als ich gegen 8:00 Uhr aufwachte. Ob es wohl noch regnen würde? Ich stiefelte ins Badezimmer, putzte Zähne, Katzenwäsche und dann ein kleines Frühstück. Ich bin normalerweise kein Frühstücksmensch. Ich bin eher so: Kaffee – Sachen packen – los. Aber uns standen dann doch über 20km bevor und für die nächsten vielen Kilometer war kein größeres Dorf auf der Karte. Also dann doch, Brötchen, Ei, Marmelade. Immerhin.

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Thommy, der Inhaber des Naturcamp am See, verabschiedete uns persönlich am Gartenzaun. Süß, etwas wie Familie. Uns reichte ein Blick auf die Straße um zu wissen, was der Sturm angerichtet hat. Unwetterschäden überall, Bäume und Äste lagen quer über die Straße. Nun ja, einen echten Pilger hält ja nichts auf. So auch uns nicht.

Der Weg führte uns meist entlang der Straße, an Alleen und Feldern entlang, durch kleine Dörfchen, in denen die Feuerwehr am Aufräumen war. Es regnete hier und da, zumindest lohnte es sich nicht den Regenponcho einzupacken. Über gute 8km liefen wir auf einer langgezogenen Straße, leicht wellig. Ständig waren Bäume abgeknickt, zum Teil wilde Apfelbäume, die sogar noch leckere Früchte trugen. Ich nutze die Gelegenheit und sammelte gleich einige Handvoll auf. Etwas Verpflegung, ganz aus der Natur.

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Die Kilometer verfolgen schnell. Jeder von uns lief für sich, vielleicht so 20-30m von einander getrennt, immer mal mit einem Blick, ob alle noch beisammen waren. Ich lief wie immer ganz hinten. Mentaler Tunnel. Mein Poncho flatterte laut im Wind, der links vom Feld kam. Ich musste schmunzeln. Das Geräusch erinnerte mich an die Nordsee, wenn meine Eltern mit mir den Drachen haben steigen lassen. Ein Lächeln blitzte über mein Gesicht und ich fühlte, wie nah mir mein Papa in diesem Moment war. In einem Augenblick, an dem die Sonne sich kurz zeigte, drehte ich mich mit dem Gesicht zu ihr, atmete tief ein und nahm den Moment genauso auf, wie er war. Glücklich.

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Ja, das Pilgern, Laufen, Wandern, nenn es wie du möchtest, ist etwas ganz Besonderes. Etwas, was dich zu dir selbst führt, in dich hinein. Es gibt Momente, in denen ich meine Gedanken sehe, mich auf sie einlasse, oder sie weiterschiebe. Ich denke das, was ich möchte. Eine Art Meditation, ich kann es steuern, wärend ich laufe, für Stunden. Manchmal schwebe ich in der Vergangenheit, manchmal in der Zukunft. Und manchmal, da passiert garnichts, da ist es schwarz oder weiß, oder unbeschreiblich, bis ich wieder „aufwache“ und etwas spüre. Das Jetzt, der Moment.

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In Müncheberg angekommen besuchten wir die erstmal die Kirche und erhaschten uns sogar noch einen weiteren Stempel. Die Kirche war wirklich schön, mit einer integriereten Bibliothek. Bildung und Religion in einem Gebäude.

Nach einem kleinen Halt in einem italienischen Restaurant, einem warmen Tee, ging es weiter zum Bahnhof. Hier verabschiedete ich Jonas, der wieder zurück nachhause musste und  versuchte eine Verbindung in Richtung Berlin zu bekommen. Bärbel und ich nahmen den nächsten Bus, bis nach Buckow.

Wir besuchten auf dem Weg zu unserer heutigen Unterkunft, das Hotel „Bergschlösschen“, die Projektunterkunft: Die Jugendherberge Buckow. Ein schönes Gebäude, am Rand der Stadt, einfach eingerichtet, sauber und ordentlich. Wie man es irgendwie kennt, von so Jugendherbergen.

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Am Abend stieß dann Gela zu uns, die uns für die nächsten zwei Tage weiter begleiten wollte. Sie brachte uns ein paar Wechselsachen und leichte Schuhe und entlastete uns von unseren schweren Wanderstiefeln, die, wie wir nun wissen, in Brandenburg völlig unnötig sind und bei Nässe nur noch schwerer werden. Wir schickten alles mir ihrem super lieben Bringdienst nachhause. Was für ein Luxus. Für mich hieß es: rein in die leichten Trailrunner und schon fühlte ich mich leicht wie eine Feder. 😉

Der Abend neigte sich dankbar mit einem schönen Sonnenuntergang dem Ende. Verdient, wie ich finde, nach 3 Tagen Regen, Unwetter und Sturm. Der Tracker zeigte für heute 24km an und so, mit vollem Magen nach dem Abendessen, viel auch ich nur noch ins Bett. Also schlafen, das kann ich immer gut beim Pilgern.

Gute Nacht Peregrinos!

Annelie

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